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Save the Date 29. September 2019

Newsarchiv

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Die Läufer-Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

Schon legendär ist die Predigt des laufenden Pfarrers i.R. Klaus

Feierabend innerhalb des Oekumenischen Abendgebets in der

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche , jeweils am Sonnabend vor dem

BERLIN-MARATHON um 20.30 Uhr. Das Gotteshaus am Breitscheidplatz in

Berlin-Charlottenburg, jetzt bei km 33 gelegen, ist seit Jahren voll besetzt.

Völlig ungewöhnlich für eine Kirche ist es, wenn während

der Predigt plötzlich Beifall aufbrandet. Dann hat der Kirchenmann

läuferisch-kirchliche Weisheiten der Laufgemeinde präsentiert.

Klaus Feierabend lief seinen ersten BERLIN-MARATHON 1980, er gehört

mit 21 erfolgreichen Teilnahmen dem BERLIN-MARATHON Jubilee-Club an. Seine

ständige Startnummer beim BERLIN-MARATHON ist „210“. Insgesamt

absolvierte er bisher 27 Marathonläufe, seine Bestzeit ist 3:11:40. Bei

den letzten beiden Läufen konnte er wegen einer Verletzung – und

jetzt wegen der ärztlichen Warnung – siehe Predigt - nicht

teilnehmen.

Die Begrüssung der Laufgemeinde wird schon seit Jahrzehnten von

Pfarrer Knut Soppa (Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche) vorgenommen, den

Segen erteilt Pater Joseph Schulte O.F.M. (Kath. Pfarramt Sankt Ludwig,

Berlin-Wilmersdorf). Musikalisch umrahmt wurde das Oekumenische Abendgebet von

der Orgel: Henning Jansen (Freren – Dänemark).

Die Kollekte war bestimmt für behinderte Kinder in der

Fürst-Donnersmarck-Stiftung:

Postbankkonto Nr. 122 76 – 105 (BLZ 100 100 10) Stichwort:

„Marathon-Gottesdienst“.

Traditionell wird die Läufer-Predigt in der Ergebnisliste des real,-

BERLIN-MARATHON veröffentlicht, Seite 46-47. Wir hoffen, daß Klaus

Feierabend bald wieder völlig genesen ist und daß Frau

„F“ gegen ein leichtes Lauftraining nichts mehr einzuwenden hat,

denn sonst hängt der „Haussegen“ schief.

Horst Milde

Liebe Freunde, Altbekannte und erstmals Anwesende in der berühmten

Blau­en Kirche am Vorabend eines BER­LIN-MARATHON!

Ich darf Euch heute zum 17. Mal eine kleine Wonnepredigt halten, über

Kopf und Füße, Herz und Schmerz, Wohl und Wehe zwischen Lebenslauf

und Läuferleben. Das Langlaufen im Allgemeinen und der Marathonkurs im

Besonderen hat was mit Fasten zu tun. Was das ureigentlich ist, das Fasten,

wissen gar nicht so viele Mitmenschen. Selbst in Läuferkreisen liegt das

Missverständ­nis nahe, dass es sich dabei

aus­schließ­lich um ernsthafte Belastun­gen handelt. Man

müsse sich quälen, Dauerverzicht sei angesagt, Beschwer­nisse

gehörten zum Alltag. Alles nicht falsch, aber insgesamt nicht wirklich

richtig. Nichtlaufende Zeitgenossen bemühen gelegentlich die Legende vom

selbstquälerischen Charakter des Fastens. Meist verbinden sie Fasten mit

sinnlosem Hungern und bewahren sich vor jedem Verständnis für

solcherart verrückt gewordene Leute. Auf das Lau­fen bezogen, habe ich

öf­ter als einmal ein nachahmendes He­cheln vernommen… aus

dem ironisch verzerrten Ge­sicht derjenigen, die mir ihre

Auf­fas­sung von den törichten Opfer­leis­tungen des

Läufers demonstrieren wollten.

Befragen wir die Bibel, so werden wir sogleich Tatzeugen eines ganz anderen

Weges. Fasten ist disziplinierte Freude, geleitet von einer

imagi­nären Blauen Linie. Sie ist das Ge­genteil von

Selbstbeweihräucherung. Sie eifert nicht, sie lässt jedem das Seine

und respektiert das Empfinden der anderen.

So wie Jesus gesagt hat: „Wenn du fastest, sollst du nicht sauer

dreinsehen und dich nicht vor den Leuten spreizen, Angeberei macht alles

ka­putt.“ Fasten ist etwas ganz und gar Intimes. Zugleich aber ist es

ein einverständliches Fest, keine Selbstbe­frie­digungs­orgie.

Fasten ist ein Fest, das ich nur mit anderen feiern kann. Der Prophet Jesaja

sagt: „Fasten, welches einsam macht, ist gottlos.“ Das ist kein

Wi­der­spruch zu der Tatsache, dass der Fastende zunächst die

Ein­sam­keit su­chen mag. Je mehr sich aber einer isolieren will

von den anderen, mit Hilfe seiner besonderen Übun­gen, um so

sinn­loser wird sein Fasten, es ist dann nur noch ein Ge­habe. So aber:

„Brich dem Hungrigen dein Brot“, das meint ja: Entzieh dich nicht

denen, die dich brauchen. Sei ih­nen nahe, sei erreichbar, auch dem

Unerwarteten, der oder das bei dir an­klopft. Die durchaus

entbehrungsreichen Trainingsleistungen des Läufers sollen eigentlich

Übungseinheiten für ein einverständliches Leben sein, für

ein Leben in Verabredung mit anderen. Dem Läufer fehlt es nicht an Zeit

für andere, er erlebt das Zeit haben für andere als geschenkten

Zugewinn. Allerdings ist das kein gesicherter Fakt, sondern ein ungewisser

Prozess. Ich will das am Beispiel erläutern: Vor reichlich vielen Jahren

habe ich mal gelesen, dass Läufer sich un­tereinander beim

Vorbeilaufen mit drei erhobenen Fingern begrüßen. So

vielleicht… das soll heißen: „Freude, Gesundheit,

Leistung!“ Ich hab’s nie angetroffen und schnell aufgegeben. Aber

vergessen ist es nicht, bis heute: Freude, Gesundheit, Leistung, in

wech­selhafter Reihenfolge alle drei Mo­tive. Keines ohne die beiden

anderen. Selbst zweien, miteinander verbunden, würde das dritte echt

fehlen. Was wären Freude und Leistung ohne Gesundheit?! Und könnten

Leistung und Gesundheit ausreichend sein ohne die Freude am Laufen?!

Bei folgender Möglichkeit aber kommt der Läufer ins Grübeln:

Freude und Gesundheit würden vielleicht auch ohne Leistung als

ausreichende Zielsetzungen empfunden werden kön­nen. Das möchte

der leistungsbewusste Läufer natürlich nicht ohne wei­teres

anerkennen. Es ist ja gerade dies ein Quell der Freude und Ge­sundheit so

oft gewesen, dass die er­hoffte Leistung tatsächlich

Wirk­lich­keit wurde, Gottseidank. Alle drei Kom­ponenten

gehören offenbar zu­sammen: Gesundheit, Freude und Leis­tung. Aber

die Reihenfolge ist nicht nur zufällig wechselhaft, sie steht auch unter

Zwängen: Du bist indisponiert, die Freude am Laufen ist durchaus

gedämpft. Du hast einen enormen Trai­ningsrückstand, dein

Hauptin­teres­se dieses Mal liegt vornehmlich beim Leistungszuwachs.

„Quäl dich, du Sau“, sagst du zärtlich zu dir und achtest

weniger als sonst auf deine Wehwehchen und ihre sorgfältige Pflege. Und,

Freunde, es kann noch etwas anderes hinzukommen. Die Zwänge, von denen ich

sprach, erhalten – so kann es kommen – schicksalhafte

Be­deutung: Du bist 25 Jahre Mara­thon gelaufen, hast alles

Mög­liche dabei erlebt, jedenfalls im Rah­men, der dem

stinknormalen Volks­läu­fer vorgegeben ist; bist immer

durchgekommen, Schmerzen allein konnten niemals ein Grund zum Abbruch sein. Und

es waren übrigens stets nur muskuläre und orthopädische

Gebrechen, die dir die 42 Kilometer zur sauren Arbeit machten. So durfte die

Freude am Ziel um so größer sein, wenn auch die Gesund­heit

unangetastet blieb.

Ja, die Schwierigkeiten bestanden le­diglich darin, dass deine

Ober­schen­kel zu flüssigem Eisen zerschmolzen, deine Waden die

Be­schaffenheit von Holz­prothesen an­nahmen und deine Arme bis in

die Schultern wie geprügelte Hunde sich fühlten. Nebenbei: Über

die Arme müsste der arme Volks­läufer viel mehr Bescheid wissen,

um ein glücklicherer Läufer zu werden.

Jedenfalls hattest du nie Herz-, Kreis­lauf-, Atembeschwerden. Du

hattest Luft wie ein Pferd und das Herz des Raiffeisenläufers aus dem

Fern­sehwer­bespot. Und dann, nach 25 solchen Läuferjahren wird

dir bei einer erstmaligen, zufälligen, sehr gründlichen Untersuchung

mitgeteilt, dass du ein potenzieller Todeskan­didat bist: „Von nichts

gewusst, nie etwas gemerkt und plötzlich entdeckt, dass du tot umgefallen

bist auf der schönen Strecke, von der du bisher jeden Kilometer besser

kennst als dein eigenes Passbild.“

„Nie mehr Marathon!“ Und du wolltest doch zu den relativ Wenigen

gehören, die noch im achten Lebens­jahrzehnt die 42 Kilometer als

ihren Wohnzimmerbereich verinnerlichen. Weiterlaufen sollst du aber unbedingt,

nur jetzt mit dem Pulsgürtel, nicht über 115. Du weißt gar

nicht, was das ist. Aber beim ersten Versuch ist dir klar: das ist unterste

Leistungs­grenze. Von nun an also: Gesundheit, Freude, Leistung! Du

weißt jetzt Be­scheid. Aber macht das noch Spaß?

Du erinnerst dich, dass du längst so­wieso nur noch vor dich hin

trabtest. Während du in den ersten wil­den Jah­ren die

Zwischenzeiten von der Hand­fläche bis zum Ellenbogen notiert hattest

und mit Blick auf die Uhr ständig abriefest und kontrolliertest,

läufst du längst ohne Uhr, nur mit deiner inneren Uhr. Du bummelst

die Blaue Linie eigentlich nur noch ab.

Trotzdem: Die Diagnose steht, wie ein Ausrufungszeichen, ein Warn­licht,

nein: ein Ampelrot. Du bist mit einem Mal aus der Belie­bigkeit deiner

Pla­nungsvorhaben entlassen. Nicht mehr du entscheidest, es ist

entschieden. Was nun. Jetzt, liebe Freunde, müsste die Zeit des

fröhlichen Fastens beginnen. Du könntest jetzt deiner

allernächs­ten Frau – nennen wir sie mal Frau F. –

versprechen, dass du nicht mehr Ma­rathon laufen wirst und mehr

ge­mein­same Zeit mit ihr verbringen willst.

Du erinnerst dich an eine Si­tu­ation vor Zeiten, in der du eine

fiktive Entscheidung spielerisch ge­troffen hast. Du hattest ein bisschen

gespielt mit einer nur angedachten, nicht tatsächlichen Entscheidung. Es

war mehr ein Gag, damals. Es ging da um eine Werbung in den Zeitungen und

Zeitschriften, es ist fast 20 Jahre her. Eine Weltfirma bot einen hübschen

Preis für den Gewinner der Preisfrage: „Du fährst mit deinem

Partner / deiner Partnerin auf einem Tandem des Weges, du sitzt vorne. Eine

Planung für die Route gibt es nicht. An einer plötzlichen

Weg­ga­belung entsteht ein Streit: links oder rechts?! Wie entscheidet

ihr euch?“

Meine spontane Antwort damals lautete: „Wir wechseln die

Plätze.“ Ich war überzeugt, den Preis damit gewinnen zu

können, ein Tandem. Ich sandte aber meine Antwort nicht ein, ich behielt

sie für mich. Nichtsdesto­weniger fand ich sie genial: „Wir

wech­seln die Plätze.“ Das sollte hei­ßen: „Ich

halte jetzt das Maul. Und ent­weder entscheidet meine Partnerin (ich

rechnete schon damals immer nur mit Frau F.) nach ihrem Gusto. Oder ich habe

glühende Kohlen auf ihr zartes Haupt gelegt, dann ist sie

ge­rührt und entscheidet für meine Rich­tung. In jedem Fall

wären wir bei­de: Gewinner. Wir hätten mal wieder begriffen, was

das ist: Fasten.

Liebe Freunde, es gibt ganz andere und ganz unglaubliche

Marathon­geschichten von der Zumutung des Fas­tens, von

Erwartungsbrüchen und wundersamen Erneuerungen beim Marathon und durch den

Marathon. Wir konnten es immer wieder lesen, sogar hier in Berlin, in den

Zeitungen der letzten Tage. Und ich hänge an der Hoffnung wie an einem

Tropf, dass man lebenslang Marathonläufer bleibt, wenn man so innig auf

der Blau­en Herztonlinie einer gewesen ist. Euch alle aber und Euren

Marathon morgen behüte Gott!

Amen.

 

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